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Mittwoch, 15. Oktober 2008

Mamiraua und die Fischer von Maraa

Nach einem Tag und einer Nacht auf einem kleineren Schiff - recht entspannt den Rio Japura stromaufwaerts - empfaengt uns Amos lachend am Hafen von Maraa. Das 7000-Seelen- Staedtchen entstand hier erst vor 40 Jahren im Urwald.
Amos Vater, Luis, 45, war laengere Zeit Chef der oertlichen Fischer-Vereinigung. Luis wird uns helfen, das angrenzende Reservat Mamiraua kennen zu lernen.

Mamiraua steht fuer ein riesiges Amazonas-Ueberschwemmungsgebiet, das als erstes Gross-Projekt Brasiliens (insgesamt >1 Mio. ha) seit etwa 10 Jahren Naturschutz und nachhaltige Bewirtschaftung zu verbinden sucht.
Die Fischer von Maraa nutzen seit etwa 5 Jahren einen Teil des Mamiraua-Areals fuer nachhaltige Fischerei. "Z 32" heisst ihre sog. Kolonie, die wir besuchen wollen. Wie wohl ueberall auf der Welt war auch hier am duenn besiedelten mittleren Amazonas der Tierbestand in den Jahren zuvor deutlich ruecklaeufig gewesen. Das ganze Jahr ueber gibt es praktisch keinen Zugang zu dem Ueberschwemmungsgebiet aus weit verzweigten Kanaelen und Seen-Platten. "Wildhueter" postieren an den zum Gebiet fuehrenden Kanaelen (kleine Fluesse) auf kleinen schwimmenden Lodges. Nur in der "Saison" von etwa 50 Tagen pro Jahr - und zwar waehrend der Trockenzeit, wenn die Wasserstaende erheblich zurueckgehen - wird nach einem bestimmten Schluessel gefischt, um den Bestand der unterschiedlichen Fischarten zu erhalten.

Mit Amos und Elso, 35, geht es im offenen Motorboot in stroemendem Regen ca. 1 Stunde zur Z32-Lodge, in die Naehe des L a g o P r e t o (schwarz). Wie immer haben wir alles dabei, es eine Weile im Dschungel auszuhalten.
Der Rio Japura wirkt hier gewaltig: mehrere Arme des Flusses - jeder breiter als der Rhein (unser Vergleichsfluss) - getrennt durch laengliche, hochbewachsene Dschungel-Inseln. Das Wasser vom lehmigen Boden verfaerbt (schon seit Tagen hat unser Auge nicht einen einzigen Stein erblickt). Kein Mensch weit und breit. Einige Voegel. Nur Delfine sind unsere staendigen Begleiter. Leider sehen wir nur kurz ihre Ruecken durchs Wasser ziehen, selten einen Sprung auf der Jagd nach einem an die Oberflaeche fliehenden Fisch...

Die Lodge ist so simpel wie sie nur sein kann: ein Holzhaus auf riesigen Baumstaemmen mit Feuerstelle auf der ueberdachten Terasse. Im Inneren: Haengematte und Funkgeraet (mit Autobatterie). Trinkwasser bringt der Regen. Alles andere liefern Fluss und Wald.
Der Wildhueter muss es hier das ganze Jahr aushalten. Gluecklicherweise hat er manchmal Besuch von seiner Familie, so wie jetzt, wo seine Frau da ist, eine ausgezeichnete Koechin, wie wir erfahren duerfen in den naechsten Tagen...
Der Regen ist vorbei. Erster Abstecher auf die etwas hoeher gelegene Seenplatte: Kanu mit kleinem Aussenbordmotor, 15 min. durch einen kleinen gewundenen Kanal im Regenwald. Kingfischer und Reiher fliegen vor uns auf als wollten sie uns den Weg weisen.
Als sich der Wald langsam zum See oeffnet greifen wir (begeistert) zu den Paddeln, Motoren sind hier nicht mehr erlaubt.
Idylle. Ein Traum. Gruene Papageien-Gruppen segeln kreischend (schimpfend?) zum naechsten Baum. Einzelgaengerische Reiher. Die ersten Jacare (wie sie hier heissen: Kaimane und Alligatoren) tauchen auf, meist um die 2 m lang. Immer wieder bewegt sich das Wasser: hier muessen unfassbar viele Fische leben. Ab und zu taucht ein furchteinfloessend grosser Ruecken aus dem Wasser auf: der P i r a r u c u - mit bis zu 3 Meter Laenge einer der groessten Suesswasserfische der Erde - muss alle 20 Minuten zum Atmen an die Oberflaeche. Ihm werden wir noch begegnen.
Mit den Haenden graebt Elso am Ufer einen Berg um, der an einen Misthaufen erinnert: ein Dutzend Eier - deutlich groesser als ein Huhner-Ei - kommen zum Vorschein: ein Jacare-Nest. Wir verschliessen alles wieder sorgfaeltig.
Der Wildhueter hat in der Umgebung gerade ein Schildkroeten-Nest ausgehoben. Die etwa 80 Eier werden in einem geschuetzten Areal vorsichtig im Boden vergraben. Hier koennen die Jungen ungestoert von Feinden schluepfen. 3000 werden es allein in den naechsten Monaten sein. So soll der Bestand der Flussschildkroete wieder wachsen. Wenig ueberraschend liegt am Abend eine ca. 50 cm grosse Schildkroete ueber dem Feuer der Lodge - in Amazonien stand sie immer auf der Speisekarte der Caboclos (Uferbewohner)...
Der Fischfang erfolgt mit Netzen, Harpunen oder Angelhaken- in der Regel direkt aus der Hand geworfen, ohne Rute. Wir haben unsere eigenen ersten Versuche ja schon hinter uns, aber hier ist alles noch einmal einfacher, wenigstens was die Piranhas anlangt. So fischt sich auch Martin endlich sein erstes eigenes Abendessen.
An die Mosquitos haben wir uns gewoehnt - sie kommen mit der Daemmerung (etliche Arten, jedoch keine Anopheles, die Malaria uebertraegt). Aber hier treiben den ganzen Tag nimmersatte Motuca-Weibchen ihr Unwesen- fliegenartige schwarze Bestien, die sich auf den Menschen spezialisiert zu haben scheinen, von unserem Feuer sogar angezogen werden, am liebsten in Bodennaehe saugen und quaelenden Juckreiz hinterlassen. Dabei heisst es, haben wir nur die kleinen Exemplare kennengelernt...
Die Tage sind kurz am Aequator. 12 Stunden Licht wollen gut genutzt sein. Wer vor Sonnenaufgang (etwa 6 Uhr) aufsteht, geht frueh zu Bett, d.h. in die Haengematte. Wir haengen unsere wie immer draussen auf. Das naechtliche Schauspiel wollen wir nicht missen: ueberall blinkende (!) Gluehwuermchen, Zikaden, Vogel- und v.a. der erwaehnte sehr variantenreiche Froschgesang, die jagenden Delfine am Morgen...
Fuer uns gibts "Cafe de manha" - Fruehstueck auf brasilianisch: Kaffee mit Unmengen Zucker -die ueberhaupt beliebteste Zutat- und ein paar Kekse. Im besten Fall: Fruechte, Avocado, gebratene Bananen, frittierter Teig. Wir erleben hier meist den besten.
Erkundungen im Regenwald...

Amos, der ja nur wegen der Kommunalwahlen nach Hause gekommen war, verabschiedet sich nach einigen Tagen, die Schule ruft.
(Anm.: sein Vater war bei der Wahl als Stadtrat ueberraschend nicht wiedergewaehlt worden; ein Freund war mit ein wenig Geld von einem anderen Kandidaten zu bestechen versucht worden... Korruption und Wahlmanipulation in einer Demokratie.)

Das Dorf der Canamaris-Indios liegt nicht weit von Maraa.
Auf dem malerisch huegeligen Ufer stehen verstreut Haeuser unter grossen Palmen, dazwischen kleine Pflanzungen. Ueberall Gruen. Keine Strasse, kein Platz. Ein Pfad fuehrt von Haus zu Haus - Holzhaeuser, wie hier ueblich, auf hohen Pfaehlen gebaut. Ueberwiegend offen nach den Seiten, viel Licht, zahlreiche Haengematten baumeln im Wind. Viele Kinder, Muetter, Huehner... Wir werden beaeugt. Unser Lachen steckt sie nicht so an wie wir es gewohnt sind. Es kommt uns sauberer vor als sonst in Amazonien. Strohdaecher weichen allmaehlich Wellblech - die Huette, in der Farinha (das Lebensmittel schlechthin) getrocknet wird, soll ein neues Dach bekommen. Die Trinkwasser-Versorgung wird wohl vom brasilianischen Staat gesichert. Erst spaeter entdecken wir einen Fussballplatz mit hoelzernen Pfosten und bestem Rasen! Wir werden nach einer Gebuehr gefragt und die Verstaendigung ist zaeh und schwierig. Wir koennen uns umsehen, Fotos kosten extra. Der Haeuptling ist nicht da. Wir kommen ungelegen, das spueren wir...

Wir gehen an Bord der "Miss Ellen", dem Schiff von Amos Vater Luis, das der einst von einem befreundeten irischen Missionar geschenkt bekam, als dieser zurueck in seine Heimat ging. Die Miss Ellen ist fuer hiesige Verhaeltnisse ein kleiner Luxus-Diesel, wenn auch in die Jahre gekommen und Geld fuer Reparaturen fehlt. Kleine Kajuete, das Oberdeck begehbar. Drei Maenner sind dabei, Amos´juengster Bruder und seine Mutter, Sheila - sie ist die gute Seele und Kuechenchefin an Bord. Es geht zum geschuetzten L a g o C o m a p i, einem echten Schwarzwasser-See (wie der Rio Negro), ca. 7 km lang, 3 Stunden entfernt von Maraa. Lodge und Wildhueter wie am Lago Preto. Neben Delfinen gibt es hier auch Fischotter. Schon von weitem begruessen diese uns bei unserem ersten Kontakt mit schrillen Rufen - um uns zu warnen - mit gebleckten Zaehnen. Sie kennen die Fischer und muessen sie als Jaeger fuerchten. Aber heute schauen die Fischer Ihnen nur zu, auch wenn Elso die Harpune schon kurz in der Hand hatte...

13. Oktober. Schon wieder habe ich Geburtstag! Wir wollen bis Morgen allein in der Wildnis sein. Die Wildhueter zeigen uns eine dichtbewachsene Insel (S1°42'22.9''/W65°53'49.1''), die wir an den Tagen zuvor noch nicht bemerkt hatten. An der Westseite kann unser Kanu gut landen. Erkundungen... Martin ist froh, keinen Jaguar auf der Insel anzutreffen.
Es hat seit Tagen nicht geregnet (das ist ungewoehnlich). Unser Lager ist kaum fertig als eine kraeftige Dusche vom Himmel faellt. Das Tarp ueber unseren Haengematten war leider nicht gut genug aufgespannt, der boeige Wind traegt das Wasser herein... und auch das vorsorglich gesammelte Feuerholz wird nass... So verbringen wir Ewigkeiten im Regen mit der Optimierung unseres Lagers. Dann Feuermachen fuer Fortgeschrittene. Fein abgetragene Holz-Spaene helfen. Auch wenn der Fisch ausbleibt, weil uns das Angelglueck mit dem "Blinker" verlaessen hat, so gibt es doch eine leckere Mahlzeit und zum entspannten Nachtisch Pancake. Leider zieht der gesammte Rauch nur in eine Richtung: unter unser Tarp... Geschichten am Feuer...
Nachts wachen wir am Boden liegend auf: die Staerke des Baums, der unsere Haengematte halten sollte, war ueberschaetzt worden...
Der Morgen: Der beste "Cafe de amanha" ist der, den man selbst macht. Und am Feuer schmeckt er eh am Besten.
Zurueck ueber den See paddeln, Kraefte gut einteilen. Mittags, kurz vor der Lodge holt uns ein kraeftiger Regenguss in unserem Kanu ein und durchtraenkt uns. Die Tropfen tanzen auf dem Wasser. Wir lachen.
An der Lodge ist nur der alte, liebenswuerdige Wildhueter. Alle Boote sind weg. Wir waschen alle unsere verrauchten, sowieso nassen Sachen. Nackt im Regen. Es koennte ewig weiterregnen, egal. Und ich hoere die Delfine lachen.

"Die Saison ist eroeffnet!" Nach vielen Verzoegerungen eroeffnet- fuer uns ein unendlicher Spannungsbogen: In Mamiraua darf der P i r a r u c u gefischt werden. Sein Name war immer mit Ehrfurcht ausgesprochen worden, geheimnisvoll. Und wir hatten seinen grossen Ruecken durchs Wasser ziehen sehen, das hatte anfangs schon etwas unheimliches: Nessy...
Bis zu 400 Fischer sollen aus Maraa kommen. Allein an der Miss Ellen haengen 14 Kanus als wir fuer eine ca. 2-stuendige Fahrt ablegen. Im Wald, nah der miteinander verbundenen Seen entsteht eine Art Campingplatz. Man richtet sich ein. Erst am naechsten Tag erreichen die Kanus ueber weite, beinahe zugewachsene Kanaele einen abgelegenen tiefen See. Lago Lumbo (ca. S1° 59'13.1''/W65°39'09.6''). Hierher, wo der Wasserstand auch in der Trockenzeit noch ausreichend hoch ist, fluechtet sich der Pirarucu. Der nur etwa 30 bis 40m schmale, aber wohl Kilometer-lange See wird mit Netzen regelmaessig abgetrennt. Mit ihren Speren in der Hand lauern die Jaeger in ihren Kanus.
Hitze. Warten...
Der Pirarucu taucht, wie schon erwaehnt, weil er atmen muss etwa alle 2o Minuten fuer einen Moment auf - wo, das ist nicht gesagt.
Da war einer!
Warten.
Wieder einer! Spere fliegen. Verfehlen ihr Ziel.
Warten. Hitze. Warten.
Das Netz ruckt! Ein Tier hat sich darin verfangen. Zu zweit ziehen die Maenner einen Pirarucu an die Oberflaeche. Der wehrt sich nach Kraeften. Gezielte Schlaege auf den Kopf betaeuben den Gefangenen, bevor er ins Boot gehievt werden kann. Fast 2 Meter lang ist das Exemplar, etwa 60 bis 80 Kg schwer. Der Fischer jubelt. Bis zu 360 Reais kann ihm dieser Fisch einbringen. Etwa 140 Euro. Das ist hier eine Menge Geld.
Es ist Mittag, im nahen Wald wird ein Feuer gemacht, der erste Fisch am Spiess gebraten.
An Deck der Miss Ellen gehen 21 Pirarucu auf die Reise zum wartenden Kuehlschiff.
Nur 30Prozent des gesamten geschaetzten Bestandes, so betont Luis beim Abschied, sollen gefischt werden. Der Fisch soll sich erholen.

2 Kommentare:

Joanna hat gesagt…

A real Pirarucu! I red they are rare in the wildness nowadays...
It's really nice to read your story, also written by you, Martin! I liked the human-to-human interactions you pictured.
I have a question: how/where have you an access to the Internet? Any mobile coverage?
Waiting for more adventures, Asia from up-side-down side of world...

Frank hat gesagt…

Hallo Martin, hallo Mirko

Hoffe, es geht Euch beiden gut! Ich bin echt beeindruckt von Euren Erlebnissen; lasst mehr hören, bevor Ihr vollends zu Naturburschen mutiert und des Schreibens nicht mehr willens seid!

Auch hier in der Schweiz werden wir uns wohl wieder näher zur Natur hin bewegen müssen. Wie in der übrigen - sogenannten zivilisierten ("ersten") - Welt sind die auf "Müllbergen"(:=windigen Finanzpapieren) aufgebauten Karten(hoch)häuser in sich zusammengefallen, was eine ernsthafte Gefährdung der Weltwirtschaft eingeleitet hat. Das Ausmass des "sich-die-Taschen-mit-Geld-füllen" der Diebe und Wegelagerer(:=sogenannte Manager) ist unvorstellbar!

Unpassendes Thema, sorry!

Also, lasst baldmöglichst wieder was von Euch hören und sehen; einige Fotos sind wirklich sensationell!

Bleibt gesund! Frank.