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Montag, 6. Oktober 2008

49 Stunden bis Tefe

Logbuch, 6.10., Tag 13 der Reise.
Mirko in seiner Eigenschaft als Schriftfuehrer hat meinem Angebot, ihn mal zu entlasten freudig zugestimmt. Here we go:

Von Manaus, dem Moloch(Basislager und Industrie-Freihandelszone Amazoniens) fahren zahllose Schiffe jeglicher Coloer und Groesse stromauf und -abwaerts. Mit etwas Gefuehl machten wir dasjenige aus, welches uns den Solimoes hinaufbringen sollte. Abreise am naechsten Morgen. Grosser, schoener Kahn, die Leute haengen ihre Haengematten im Unter- und Zwischendeck auf, betreten das Boot dazu sogar schon am Tag vor Abreise (Plaetze sichern, Uebernachtung sparen). Piete, unser Einweiser, wies uns den Weg auf's Zwischendeck und auch an, rasch an Bord zu kommen. Es war noch viel Platz. Schnell zurueck zum Hotel, noch allerlei Besorgungen taetigen, Klamotten packen, auschecken, Abschied von Mittravellern...Wir verliessen die schmutzige, hektisch-freundliche Metropole Richtung Docks mit unseren schweren Rucksaecken auf dem Ruecken bei Sonnenuntergang. Schweissgebadet, aber froh, vorbei am Gewimmel von geschaeftigen Angestellten, die die Buergersteige hochklappten, Hafenhallen auskehrten, sich an rauchenden Grills und unzaehligen Strassenimbissen zum Plausch und Futtern versammelten. E Brasil!

Uns war klar, dass die Reise jetzt eigentlich erst richtig losgeht! Wir hatten gehoert: wenn ihr Urwald sehen wollt, muesst ihr 2 bis 3 Tage von Manaus mit dem Schiff stromaufwaerts.

Erste Nacht in der Haengematte an Bord war prima... Das Boot verliess den Hafen am Morgen ca. 6 Uhr. Das bis dahin noch relativ lichte Unterdeck wurde nun zum Bienenstock. Denn, waehrend wir schon Fahrt aufnahmen, wimmelte es um den Kahn herum von dutzenden kleinen Schnellbooten, die mal eben noch Passagiere und Gueter heranfuhren. Das Mutterschiff verlangsamte wiederholt die Fahrt, um geduldig noch Leute aufzunehmen, die an Bord kletterten, nachdem sie vorher Koffer, Taschen, Pakete, Kleinkinder u.ae. heraufgereicht hatten. Nun wurde es eng, und zwar wirklich eng. E Brasil!
Ein solches Boot (auf dem Foto: unsere "Verfolger", s.u.) tuckert dann gemuetlich den grossen Strom hinauf. Flussaufwaerts immer am Rand, wo wenig Stroemung ist und wo man als Reisender auch was vom nahen Wald mitbekommt (Mosquitos inclusive).
Es gibt 3Mahlzeiten. Dusche und Toilette befinden sich jeweils gemeinsam in gleicher Mini-Kabine, davon gibt es auch einigermassen ausreichend viele. Gute Stimmung, farbenfroher Trubel. Rempeln und Draengeln gehoeren hier dazu, keinen kuemmert sowas, man entschuldigt sich kurz, dann Daumen hoch, breites Grinsen, Tudo legal, was woertlich uebersetzt heisst: 'alles legal', aber soviel wie 'cool', 'geil' bedeutet...
Die Leute sind freundlich, sie lachen uns an, einige sprechen uns auch an (in fliessendem bras.Portugiesisch, Anm: wir sind von geschaetzten 800-900 Passagieren die einzigen Weissen). Die Konversation macht viel Freude, wir verstehen halt nur Bahnhof, aber egal, tudo legal!!!!
'Wir' liefern uns ein Wettrennen mit einem Nachbarboot bis zur Zwischenstation in Coari. Klar, wer zuerst da ist, loescht schneller die Ladung, nimmt mehr auf, greift mehr neue Passagiere ab, es geht um Geld. Wir gewinnen.
In Coari verlassen viele Leute das Boot, es herrscht ein buntes Treiben, welches dann urploetzlich noch mal Trubel auf unser Deck schwemmt. Der Grund: Die 'Rei David' (=Koenig David), der ueberfluegelte Gegner, faehrt nicht weiter, die Passagiere springen bei uns an Bord. Mit allem Gepaeck und natuerlich allen Haengematten! Kurze Wort- und Gebaerdengefechte, um unseren Platz etwas zu behaupten. Naja, alle muessen ja schliesslich unterkommen. Am Ende haengen alle wie Sardinen in ihren Matten, man kommt nicht mehr zwischendurch, das Gepaeck im Zwischenraum ist jedoch noch bequem im Liegestuetz oder an der Decke entlang hangelnd zu erreichen. E Brasil!!
Nach einem Tag und einer Nacht in der Konservendose (seit Coari) erreichen wir unser Ziel: 'Tefe'. Das beste: ein smarter Junge von 18Jahren spricht uns in fliesendem Englisch (eine absolute Raritaet) an, er lernt auf der englischsprachigen Highschool. Er macht uns klar, dass der Grund fuer die Voelkerwanderung die Kommunal-Wahlen am Sonntag sind! Die Brasilianer haben Wahl-Pflicht! Briefwahl existiert nicht, alles wandert...
Amos, so heisst unser neuer Freund, bietet uns an, mit in sein Heimatdorf zu reisen. Die Fischsaison wird bald eroeffnet, sein Vater ist Chef des Angelvereins. Wenn wir wollen, zeigen uns die Locals den Regenwald mit allem Drum und dran, draussen campen, fischen, Voegel und Viech und Pflanzen kennenlernen. Wir schlagen natuerlich gluecklich ein!
Am Sa. morgens kommen wir also in Tefe an, ca. 3h spaeter soll das naechste Schiff nach Maraa auslaufen, was extra von den Behoerden fuer das Wahlvolk gechartert wurde. Im Hafen angelangt, hat das Anschluss-Boot den Hafen laengst verlassen. E Brasil!!!
Also wollen wir 2Tage spaeter, am Montag (nach offiziellem Fahrplan) hinterher fahren, wenn die Wahl am 'Domingo' (- Tag des Herrn) vorbei ist.
Wir finden ein Hotel mit 3Stockwerken. Ganz oben residieren wir mit Blick auf Wasser, Fenster nach 3Seiten, einem Balkon mit Riesen-Fensterfront, mit fernbedienter Klima-Anlage, fuerstlich... Saegemehl-aehnliche Haeufchen auf dem Badezimmer-Fussboden, die offenbar aus Birnenfassungen an der Decke traeufelten, kuenden uns, dass wir wohl nicht allein sind.....

Einschub: 'Tudo legal': Wir wollen Cerveja kaufen, Bier. Uns faellt der Unterkiefer runter, als uns in den Laeden klargemacht wird: Alkohol-Prohibiton wegen der Wahlen bis Dienstag! (E Brasil tambem!) Ok. wir fragen hie und da mit gleichem Resultat.
Abends nach dem Grill-Imbiss versuche ich es ein letztes mal in einem kleinen privaten Shop: Der Verkaeufer kniet wortlos nieder, postiert mich vor sich mit dem Ruecken zum Ausgang und schiebt mir ein Dutzend-Pack Bierdosen in sichtgeschuetzte doppelte Plastiktuete, der Kassierer erklaert mir: Schnurstracks damit in's Hotel gehen! Ich bedanke mich in fliessendem brasilianisch: Tudo legal!
Einschub 2: Mirkos kleine Insktenkunde:
Zu unseren Gaesten im Hotelzimmer zaehlen Ameisen. Viele Ameisen. Sehr viele Ameisen. Sie organisieren ihre Strassen scheinbar in Minutenschnelle zum Melonensafttropfen auf dem Fussboden, zum Kruemel neben dem Rucksack, zur Bananenschale im Papierkorb.
Aber wie? Scouts, die dann Kollegen ranholen. Viele Scouts gleichzeitig, einer bleibt da, die anderen holen Verstaerkung? Oder einer findet, rennt allein zurueck, holt den naechsten usw.?
Mirko schlaegt vor, einen Versuch zu starten, eine Ameise mit einem Farbpunkt zu markieren. Unsere initiale Begeisterung fuer den Plan schmaelert sich angesichts des Untersuchungsobjekts: Die Ameisen sind ca 1mm lang, mit gutem Willen und einigen Dehnungsuebungen vielleicht 1,2mm. Ein Farbklecks auf ihrem Ruecken zu platzieren, hiesse, den Lichtschalter mit einem Flag-Geschuetz auszumachen. Schei.. auf die Ameisen (sage ich)
Es gibt ja auch noch Fliegen: Mirko fotografiert sie mit Zoom aus allen Himmelsrichtungen, sie hat einen langen Stachel, ist vielleicht keine Fliege, aber der Zoom ist nicht stark genug-, das Insekt ansich unkommunikativ, eignet sich also auch nicht als Studien-Objekt (sage ich)...
Muecken, klar, Mosquitos !!!! Zwar juckt und beisst es hie und da, aber eigentlich haben wir keine Mosquitos gesehen in Tefe. (In Manaus gab es welche, jedenfalls in unserem ersten Hotel hatten wir 3: Jessica, Maria-Leniz und Lidia). Wir suchen und siehe da: wir finden was kleines mit Fluegeln. Aber selbst nachdem ich es mit einem zarten Klaps am Weiterflug hindere ist es noch zu klein, um als Mosquito durchzugehen. Darueber hinaus hat es jetzt seine aeussere Form unseren Bestimmungsversuchen entzogen... Mosquitos werden aber wahrscheinlich Thema bleiben, wir sind der Ansicht: Wachsam bleiben!
Cucarachas!!!! Aus dem nichts taucht sie auf, ca. Daumenlang- und breit, dunkelbraun. Macht einen entspannten Eindruck. Macht erst einen Satz, als ich versuche, Sie mit einem Becher einzufangen. Wir stellen sie zwischen Rucksack und Balkonfenster.
Und nun hat Mirko Zeit, Musse und ausreichend Sicht, das Verhalten der Amazonas-Kakerlake unter Untersuchungshaft-Bedingungen zu studieren...

HEUTE geht's den Japura hinauf nach Maraa. Die Spannung steigt, ebenso wie die Vorfreude!!!
Am Hafen liegt bereits das Schiff. Der Kapitaen sagt: "MORGEN!"
E Brasil...

martin

1 Kommentar:

Anke hat gesagt…

Happy Birthday from San Francisco down South, Mirko!